16. bis 18. Jahrhundert: Geschichtsschreibung und Reiseliteratur

Im Zuge der Entdeckungsfahrten kam es zur Gründung portugiesischer Gemeinden auf den verschiedensten Breitengraden. Parallel dazu entstand in Portugal die literarische Gattung der Reiseliteratur, die als solche erst Jahrhunderte später in anderen Ländern erkannt wurde. Die Reiseliteratur ist oft mit der Geschichtsschreibung verbunden.


Reiseliteratur in der Renaissance

Die Carta do Descobrimento do Brasil („Brief von der Entdeckung Brasiliens) ist genau genommen eine Sammlung von Briefen, die Pêro Vaz de Caminha (?-1501?) dem König D. Manuel I. (1469-1521) 1501 geschickt hat. Sie ist mit ihren malerischen Beschreibungen von Landschaften und Bräuchen, auf welche die Portugiesen in Brasilien trafen, ein perfektes Beispiel für die Reiseliteratur.
Solche Werke stellten einen bedeutenden Beitrag zur Renaissance-Literatur in Portugal dar. In einer Epoche, in der die Druckerpresse entwickelt und die Literatur durch Wörterbücher, Grammatiken und philosophische Essays erblühte, waren wissenschaftliche Daten wichtig. Diese fanden sich in den Büchern, die dem Leser so unterschiedliche Kulturen und Kontinente wie Afrika, Asien oder Südamerika nahebrachten.

Garcia de Orta: exotische Krankheiten und ihre Behandlung
Garcia de Orta (1500?-1568) zum Beispiel lieferte wichtige Beiträge zur Geschichte der Medizin und der Botanik. Nach seiner Tätigkeit als Leibarzt von König D. João III. lebte er lange Zeit in Goa, wo er sich dem Handel mit orientalischen Medikamenten und kostbaren Steinen widmete. In Colóquios dos Simples und Drogas e Cousas Medicinais de Índia (1565) beschreibt er Krankheiten, die im Okzident wenig bekannt waren, sich durch die Reisen aber nach und nach ausbreiteten – vor allem aber beschrieb er auch deren Behandlung. Diese erforderte den Einsatz von Medikamenten, die außerhalb der indischen Gebiete absolut unbekannt waren.

Fernão Mendes Pinto: Peregrinação
Auf einer literarischeren Ebene befindet sich ohne Zweifel Peregrinação (Pilgerfahrt) von Fernão Mendes Pinto (1509-1583), das deutlich heraussticht. Die Abenteuer, die in dem 1614 veröffentlichten Buch geschildert werden, und in denen Mendes Pinto selbst die Hauptrolle spielt, waren bereits zu Lebzeiten des Autors bekannt. Sie wurden aber als das Produkt einer blühenden Phantasie betrachtet. Erst später bewies die Erforschung der orientalischen Zivilisationen, dass es sich in dem Buch tatsächlich um Berichte von Lebensgewohnheiten und Naturphänomenen handelt, die der Autor während seiner Aufenthalte in fernen Ländern wie China und Japan beobachten konnte.
Das Buch ist in einem sehr lebhaften Stil verfasst und spiegelt deutlich den Exotismus wider. Zugleich ist es auch ein sehr fortschrittliches Buch, das anderen Kulturen tiefen Respekt zollt und sich um einen gemeinsamen Dialog bemüht. Leider behielten die nachfolgenden Generationen diese Praxis nicht bei.
Fernão Mendes Pinto stellt sich selbst nie als Held dar, obwohl er die Hauptperson des Werkes ist. Er kritisiert das oft brutale rücksichtslose Vorgehen der Portugiesen im Orient und stellt es in Kontrast zu der Toleranz der orientalischen Bevölkerung und zu deren Auffassung von wahrer Religiosität.

Damião de Góis und die Frage der Inquisition
Die objektive Auseinandersetzung mit den behandelten Themen in Werken, die sich auf die Beschreibung diverser Realitäten fokussierten, wurde in der damaligen Zeit nicht sonderlich wertgeschätzt. In dieser Epoche galt die portugiesische Anwesenheit in den Überseegebieten als Dienst in christlicher Sache: Die vermeintlich zivilisierten Verhaltensweisen des Christentums sollten im Rest der Welt verbreitet werden.
Schon Jahre zuvor landete ein anderer Vertreter des portugiesischen Humanismus für seine Faktentreue und Objektivität als Geschichtsschreiber im Gefängnis. Damião de Góis (1502-1574) war in verschiedenen europäischen Ländern im diplomatischen Dienst tätig, bevor er 1558 von Kardinal D. Henrique (1512-1580) beauftragt wurde, die Crónica de D. Manuel I niederzuschreiben.
Er war an den Kontakt mit anderen Kulturen gewöhnt, die in vielen Punkten offener und toleranter waren als es in Portugal der Fall war. Seine Freiheit im Denken machte sich dann auch in seiner Arbeit rigoros bemerkbar: Neben seiner Aufgabe, Lobreden über den Monarchen und dessen Taten zu verfassen, schnitt er ebenso die Frage der Inquisition an. Das genügte, um ihn trotz seines fortgeschrittenen Alters festzunehmen.

Gaspar Correira: Lendas da Índia
In jedem Falle ist festzustellen, dass nun vornehmlich Reisende historiographisch tätig waren. Die größte Anziehung übten der Orient (insbesondere Indien) und sein Exotismus auf die Reisenden und ihre Leser aus.
Der Stil in Gaspar Correias (1495-1561) Lendas da Índia ähnelt stellenweise der Farbigkeit und Bewegtheit der Prosa von Fernão Lopes. Gaspar Correia lebte selbst etwa 50 Jahre in Indien und konnte deshalb die Menschen und die Landschaft sehr lebhaft und anschaulich beschreiben. In Verbindung mit dem fiktionalen Aspekt, auf den der Titel anspielt, wird das Werk zu einem einzigartigen Fresko der portugiesischen Anwesenheit in Indien. Zugleich bestätigt es die Annahme, dass die Kombination aus historischem Bericht und fiktiven Elementen eine Literatur von großer Originalität hervorbringen kann. Das bezieht sich sowohl auf die Ebene des Inhalts sowie auf die äußere Form.

João de Barros: Decádas
Sicherlich kann die literarische Schilderung geschichtlicher Ereignisse nicht mit der gleichen Strenge betrachtet werden wie die wirkliche Geschichtsschreibung. Diesen Werken aber gelang es, andere, bis dahin unbekannte Lebensweisen und Realitäten zu vermitteln, die sich von denen der Europäer stark unterschieden.
João de Barros (1499-1570), ein Vertreter dieser sich unaufhaltsam ausbreitenden literarischen Gattung, suchte nach der Versöhnung mit der Geschichte: Er akzeptierte, dass er manche Ereignisse nicht völlig objektiv schildern konnte. Sein Wunsch war es, eine Enzyklopädie zu schreiben, die sich aus einer Universalgeografie und zwei Traktaten zusammensetzen sollte. Ein Traktat sollte den Handel betreffen, das andere die Weltgeschichte, bei der die portugiesischen Taten und Eingriffe auf zahlreichen Kontinenten besonders hervorgehoben werden sollten. Eine Arbeit dieses Umfangs hat er jedoch entweder nie beendet, oder sie ist verlorengegangen. Es blieb das Werk Décadas, ein Fragment (über Asien) eben jenes Traktates der Weltgeschichte, dessen Kapiteleinteilung den Kontinenten entsprochen hätte.
Das Werk von João de Barros ist so bedeutend, dass es schwerfällt, der Cartilha para Aprender a Ler (1539), der Gramática da Língua (1540) oder dem Diálogo Evangélico sobre os Artigos de Fé contra o Talmude dos Judeus (1540 geschrieben, kurz nach dem ersten Ketzergericht in Lissabon) mehr oder weniger Wert beizumessen als den erwähnten Decádas.

Diogo de Couto: O Soldado Prático
Diogo de Couto (1542-1616) führt dieses letzte Werk von João de Barros fort. Diese Fortführung ist zwar weniger spannend und weniger geeignet für heldenhafte Taten, dadurch aber auch näher an der Realität.
In seinem vollständigen Entwurf erläutert O Soldado Prático auf neutrale Weise eine Reihe von portugiesischen Handlungsfehlern im Orient, die dazu führten, dass die portugiesische Macht in Asien zerbrach.

Bernardo Gomes Brito: História Trágico-Marítima
Im Laufe der Zeit werden die Untersuchungen der Ära der Entdeckungen und der Übersee-Expansion immer unabhängiger.
1735 und 1736 sammelte Bernardo Gomes Brito (1688-?) diverse Berichte von Schiffbrüchen als Beispiele für Trivialliteratur, wie sie im vorhergehenden Jahrhundert verbreitet wurde. Mehr noch als der literarische und historische Wert wiegt in der História Trágico-Marítima die Kraft der Beschreibungen von Überlebenden. Diese schildern die dramatische Seite einer Epoche, die gemeinhin als Glanzzeit bezeichnet wird.


Geistliche Geschichtsschreibung

Auch Mönche gingen weiterhin der Geschichtsschreibung nach. Dies war eine Art Freizeitbeschäftigung für diejenigen, die zwar ein kirchliches Leben gewählt hatten, aber nicht von der Beobachtung und dem Studium der irdischen und konkret der portugiesischen Wirklichkeiten ablassen konnten. Ein Beispiel für diese Art von Prosa ist das Werk Monarquia Lusitana von Bruder Bernardo de Brito (1569-1617), das vor allem die Verteidigung der portugiesischen Unabhängigkeit gegen die Spanier thematisiert. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Land nach dem Desaster von Alcácer Quibir 1578 und dem Tod von Kardinal D. Henrique unter spanischer Herrschaft. Kardinal D. Henrique hatte den Thron nach dem Verschwinden von D. Sebastião in der verhängnisvollen Schlacht übernommen.


Text: Alcides Murtinheira
Übersetzung: Martina Schmidt