13. bis 16. Jahrhundert: Der Beginn der Geschichtsschreibung

Die ersten Zeugnisse einer Geschichtsschreibung in portugiesischer Sprache sind die sogenannten cronicões, chronologische Berichte über die Herrschaftszeit verschiedener Monarchen. Ihr Hauptziel war es, über die Gebietszuteilung innerhalb des Adels zu informieren.


Livros de Linhagens

Wesentlich bedeutsamer aus literarischer Sicht sind die livros de linhagens („Bücher über die Abstammung“), genealogische Register adliger Familien, die auch Erzählungen von ruhmreichen Taten der Familienmitglieder enthalten. Im Grunde handelt es sich um historische Berichte mit fiktiven Elementen, die aus der Sicht des Adels vermittelt werden. Das Ziel ist es, Ruhm und Ehre der dargestellten Familie zu mehren. Diese fiktionalen Episoden beruhen manchmal auf eigenen Interpretationen von Legenden, in deren Handlungsverlauf die Mitglieder der jeweiligen Familie eingebaut werden.


Königliche Chroniken und höfische Geschichtsschreiber

Crónica Geral de 1344
Eine literarische und soziologisch glaubhaftere Zusammenstellung stellt die Crónica Geral de 1344 dar, die dem Bemühen Anfonsos X. von Castela entspringt. Dieser regte die Niederschrift der mündlich von Generation zu Generation weitergegebenen Traditionen und Legenden an. Damit verstärkte er die kulturelle Ausrichtung seines Hofes von Toledo noch. Dieser war als großes Zentrum der Unterhaltung und der troubadourischen Lyrik bekannt.

Fernão Lopes
In Portugal war es König D. Duarte, der den ersten großen Schritt hin zu einer richtigen Geschichtsschreibung machte: Im Jahr seiner Thronbesteigung (1434) beauftragte er Fernão Lopes (1380-1459), Wachtmann vom Torre do Tombo sowie Schreiber von D. João I., die Chroniken der ihm vorangegangenen Könige D. Pedro I., D. Fernando und D. João I. niederzuschreiben. Fernão Lopes erfüllte die ihm gestellte Aufgabe mit literarischem Geschick und beeindruckender geschichtlicher Genauigkeit. Dieser erste portugiesische Geschichtsschreiber bediente sich einer Sprache, in der sich Bewegung, visuelle Darstellung und Umgangssprachlichkeit mit der Dramatik der erzählten Ereignisse verbinden. Er zeigte große Sorgfalt bei der Untersuchung von Dokumenten und schuf Texte, in denen er die Taten und ihre Protagonisten auf sehr unparteiliche und unabhängige Weise schilderte. Die großen sozialen und politischen Veränderungen sind gemäß Fernão Lopes das Werk des Volkes und nicht das von Königen oder Adeligen. In seinem Entwurf der geschichtlichen Wirklichkeit steht die breite Masse der Bevölkerung im Vordergrund. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass er die Regierung von D. João I. nicht von der Kritik ausnimmt, obwohl dieser der Vater des Monarchen war, der ihn zum Hauptchronisten des Königs berufen hatte.

Die Nachfolger von Fernão Lopes wichen mehr oder weniger stark von dessen investigativer Strenge bei der Überprüfung und Niederschrift der geschichtlichen Ereignisse ab. Sie schilderten die soziale und historische Wirklichkeit in einer  Sichtweise, die den herrschaftlichen Kreisen mehr entsprach.

Gomes Eanes de Azurara
Gomes Eanes de Azurara (1410?-1474) folgte unmittelbar auf Fernão Lopes, sowohl als Wachmann als auch als Chronist. Ihm fiel es zu, über die erste Zeit der portugiesischen Expansion zu berichten, konkret über die ersten Überfälle auf Regionen im Norden Afrikas, die zu seinen Lebzeiten stattfanden. Er bediente sich regelmäßig mündlicher Zeugenberichte, die er im Nachhinein seinem literarischen Verzeichnis hinzufügte. Dabei war seine Vorgehensweise artifizieller und weniger „farbig“ als die seines Vorgängers.

Rui de Pina
Rui de Pina (1440-1521) übernahm die Aufgabe, zahlreiche Chroniken niederzuschreiben: von D. Sancho I., D. Afonso II., D. Sancho II., D. Afonso III., D. Dinis, D. Afonso IV. (die Könige der ersten Dynastie, deren jeweilige Herrschaftszeit noch nicht gemäß den Regeln einer Chronik festgehalten worden war) und außerdem die von D. Duarte, D. Afonso V. und D. João II. Er war der erste Geschichtsschreiber der Entdeckungs- und Eroberungsfahrten, der das übermittelte, was man als eine offizielle Sichtweise der stattgefundenen Ereignisse bezeichnen kann.


Text: Alcides Murtinheira
Übersetzung: Martina Schmidt