12./13. Jahrhundert: Troubadour-Lyrik

Als D. Afonso Henriques (1108?-1185) König von Portugal wurde, waren Troubadoure und Narren in dem seit kurzem unabhängigen Gebiet bereits alltäglich. Einige von ihnen kamen aus der Provence und hatten den Pilgerweg von Santiago zurückgelegt.


Troubadoure und Narren
Die Troubadoure waren nahezu alle gebürtige Adelige. Manche waren sogar Könige, wie der Sohn von D. Afonso Henriques, D. Sancho I. (1154-1211). Sie schufen Texte und Liedmelodien von außergewöhnlichem Einfallsreichtum, auch wenn in vielen Fällen der musikalische Teil eine Adaption bereits bekannter Melodien war oder von Narren komponiert wurde. Diese Narren stammten aus bescheidenen Verhältnissen und sicherten sich ihr Überleben durch das Auftreten und Singen vor Publikum.


Die Lieder der Troubadoure

Cantigas de amigo
Die interessantesten dieser musikalisch-literarischen Werke waren die sogenannten cantigas de amigo. Von Männern geschrieben und gesungen, brachten diese Lieder in der ersten Person die Gefühle einer verliebten jungen Dame zum Ausdruck, deren Geliebter (amigo) in unbekannter Ferne weilte. Dabei wurde auf die Technik des Parallelismus zurückgegriffen, d.h. ein gleicher Gedanke wird in zwei alternierenden Versen mit identischer Struktur abgebildet. Auf die Strophen, die allgemein relativ kurz sind, folgt der Refrain. Dieser erlaubte es dem vortragenden Troubadour oder Narren, sein solistisches Virtuosentum unter Beweis zu stellen.

Cantigas de amor
Der Inhalt der cantigas de amor war deutlich konventioneller. Deshalb eigneten sich diese für den Troubadour besser, um sich der geliebten Frau anzunähern. In ihnen gestand er ihr seine tiefe Verehrung und sein Leiden für die Liebe. Jenseits der Pyrenäen finden sich fast identische lyrische und musikalische Formen dieser Art, die allerdings im Unterschied zu den cantigas de amor über keinen Refrain verfügen.

Satirische Lieder: cantigas de escárnio und cantigas de maldizer
Eine dritte Form troubadourischen Schaffens ist das satirische Lied (cantiga satírica), das in einem mehr oder weniger hohem Maß soziale Kritik übt. Sie sind für das Verständnis bestimmter sozialer Bräuche des Mittelalters unerlässlich. Den cantigas de escárnio (Hohn-, Spottlieder, die auf Doppeldeutigkeit basieren) und cantigas de maldizer (Fluch-, Schimpflieder mit deutlichem Bezug auf die anvisierte Person mittels Satire und teilweise obszöner Wortwahl) soll das spezielle Wohlgefallen des Königs Afonso X. von Castela (1225-1286) gegolten haben. Er war selbst Autor einiger dieser Lieder. Auf seine Initiative geht die Sammlung der Cantigas de Santa Maria zurück. Deren religiöse und narrative Texte heben sich wiederum von dem profanen Ton der anderen Lieder ab.

Die Troubadourlyrik findet sich noch in anderen Liedersammlungen vereint: in der von Ajuda, dem Vatikan und der Biblioteca Nacional (Nationalbibliothek). Zu dem in Portugal und Galizien erreichten Umfang troubadourischen Schaffens muss noch das der Dichter aus León und Kastilien hinzugerechnet werden. Diese bedienten sich des galizischen Portugiesisch, das als angemessene Sprache bei der Anfertigung poetischer Texte galt.


Text: Alcides Murtinheira
Übersetzung: Martina Schmidt