16. Jahrhundert: Ein portugiesisches Epos

Im Prolog des Cancioneiro Geral de 1516 fordert Garcia de Resende ein Epos (die klassische literarische Form par excellence) zur Lobpreisung der nationalen Werte.


Luís de Camões: Os Lusíadas

Dieses wird schließlich Jahrzehnte später von Luís de Camões mit Os Lusíadas geschaffen. Bei der Betrachtung seines Lebens ist es im Nachhinein schwer zu sagen, was Wahrheit und was Legende ist. Jedenfalls besuchte er verschiedene Kontinente – dafür gibt es glaubwürdige Zeugen – und sammelte dort unverzichtbare Daten für sein Werk. In diesem verbinden sich eine bestimmte Weltsicht, detailgetreue Beschreibungen (die nur aufgrund eigener Erfahrung so wiedergegeben worden sein können, und aus Sicht eines Europäers oft exotisch erschienen) und patriotische Einflüsse miteinander.

Inhalt
In einer für das Land einschneidenden Epoche – die Zeit nach den Entdeckungen und dem damit einhergehenden Reichtum, Pomp und Ehrgeiz – bringt er die wichtigsten Ereignisse der portugiesischen Geschichte in Versform. Er erzählt von der Gründung der Nation bis zur Vollendung der Reise von Vasco da Gama und seiner Flotte, die 1498 zum ersten Mal Europa und Indien auf dem Seeweg verbindet.

Camões’ Beschreibung der geschichtlichen Ereignisse ist deutlich lyrisch geprägt. Er macht die Handlung nicht von den Fähigkeiten eines Helden abhängig, sondern nur noch vom Willen und der Beharrlichkeit einer Gemeinschaft (der portugiesischen Nation) und von der nicht immer friedlichen Führung der Götter aus der griechisch-römischen Mythologie. Damit verstößt er gegen das gängige Modell des Epos.

Äußere Form
Das Werk Os Lusíadas besteht aus zehn Gesängen. Am Anfang findet sich eine Proposition, ein Ersuch um Hilfe und eine Widmung an den jungen König D. Sebastião (1554-1578?). Jede Strophe hat acht Verse mit zehn Silben (decassilábicos). Es gibt einige Berührungspunkte mit der Eneida von Virgil, aber die Verknüpfung von christlichen und mythischen Elementen, die zur Zeit der Veröffentlichung des Buches (1572) noch kritisiert wurde, verleiht ihm einen hohen Grad an Originalität im Vergleich zu den anderen Werken des gleichen Genres. Der Geist des Christentums muss in den Lusiaden ohnehin Präsenz zeigen, denn gemäß Camões fiel es gerade Portugal zu, die christlichen Werte in der Welt zu verbreiten.


Der portugiesische Nationalfeiertag: Dia de Portugal, de Camões e das Comunidades Portuguesas

In zahlreichen Epochen wurden unterschiedliche Lesarten der Lusiaden vorgenommen, so dass man von einer regelrechten Benutzung (bis hin zur politischen) des Werkes sprechen kann. Am portugiesischen Nationalfeiertag wird Camões gefeiert, der vermutlich am 10. Juni 1580 starb. Da er in verschiedenen Teilen der Welt lebte (bekannt sind zumindest Aufenthalte in Ceuta, Indien, China und Mosambik), sollen neben der Ehrung seines Lebens und Werkes auch die portugiesischen Emigranten miteinbezogen werden, die Portugal auf ihre Weise an zahlreichen Orten in der Welt repräsentieren. Der 10. Juni wird deshalb eingedenk dieser Tatsache als der Dia de Portugal, de Camões e das Comunidades Portuguesas bezeichnet.


Text: Alcides Murtinheira
Übersetzung: Martina Schmidt