16. Jahrhundert: Die Renaissance-Dichtung

Cancioneiro Geral de 1516

Gil Vicente war nicht nur Dramaturg, sondern auch Dichter: Manchmal dichtete er sogar in kastilischer Sprache. Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhundert machte sich ohnehin der kastilische Einfluss in der portugiesischen Lyrik auf formaler Ebene deutlich bemerkbar: „redondilhas“ (Verse mit fünf oder sieben Silben) und sich aus Wendungen ergebende Sinnsprüche sind kastilischen Ursprungs. Vor allem verbreiteten sie sich in der Palastdichtung, an den Höfen von D. Afonso V., D. João II. und D. Manuel I. Der Großteil des lyrischen Schaffens dieser Zeit wurde im Cancioneiro Geral de 1516 (das Datum der Veröffentlichung) gesammelt. Es war Garcia de Resende (1470-1536), der dieses Werk zusammengetrug. Er selbst ist mit Trovas à Morte de Inês de Castro als Dichter vertreten, eine von vielen literarischen Auseinandersetzungen mit der leidenschaftlichen Liebe zwischen dem König D. Pedro I. (1392-1449) und D. Inês de Castro (1320-1355), der Hofdame seiner Frau.


Schriftsteller der Renaissance und der Einfluss aus Italien

Der Cancioneiro Geral zeugt außerdem von dem Einfluss Petrarcas und Dantes, den diese auf die portugiesische Dichtung ausübten. Damit hatte die Renaissance in die Literatur Einzug gehalten und mit ihr das Interesse an klassischen Kulturen, verbunden mit heroischen und patriotischen Einflüssen.

Sá de Miranda
Sá de Miranda (1481?-1558), einer der herausragenden Dichter im Cancioneiro Geral, hatte fünf Jahre in Italien verbracht. Dort war er mit neuen ästhetischen Modellen und dichterischen Formen in Berührung gekommen, zum Beispiel Eklogen, Elegien, Sonetten und Liedern. Nach seiner Rückkehr nach Portugal verfasste er als erster eine solche, stark von Petrarca beeinflusste, Dichtung in portugiesischer Sprache. Diese ist geprägt von philosophischen und moralischen Gedanken sowie einer scharfen Kritik am Materialismus. Sie beruhte auf dem maßlosen Bestreben einer Gesellschaft, die sich an den Gewinnen aus der überseeischen Expansion bereicherte, ohne dabei Ethik und Moral weiterzuentwickeln. Als augenscheinlicher Begründer der literarischen Renaissance in Portugal schrieb Sá de Miranda auch Komödien im klassischen Stil und beeinflusste vor allem mit seinen Sonetten das Werk von Autoren wie Luís de Camões und António Ferreira.

Luís de Camões
Die dichterische Vielfalt des Werkes von Luís de Camões (1524?-1580) führt dazu, dass sein Werk nicht in einer einzigen Besprechung abgehandelt werden kann. Auf lyrischer Ebene muss unterschieden werden zwischen einem eher konfessionellen Schaffenswerk, das vor allem in den Sonetten, den Oden und den Liedern zu Tage tritt. In diesen verbinden sich tiefgehende psychologische Überlegungen zum Sinn des Lebens (konkret seines Lebens) mit einer kritischen Betrachtung der Gesellschaft. Auf der anderen Seite steht eine Dichtung mit deutlich spielerischerem Charakter (zum Großteil in „redondilhas“ verfasst), die er im Wesentlichen in seiner Jugend geschrieben hat. Manche davon wurden zu seinen Lebzeiten sogar vertont.

António Ferreira
António Ferreira (1528-1569) war ein Schüler Sá de Mirandas. Er hielt länger an dem erzieherischen und kritischen Prinzip fest, an dem sich die Literatur orientieren sollte. Auch trat er dafür ein, in der Literatur einzig und allein die portugiesische Sprache zu gebrauchen. Dies zeigt sich in der Bevorzugung des Blankverses in der Dichtung, d.h. der Abwesenheit des Reims. Wenngleich auch seine dichterischen Texte und Briefe, die den portugiesischen Humanismus widerspiegeln, sicher nicht vergessen werden, hebt sich António Ferreira besonders durch seine Tragödie A Castro hervor. Das Stück verbindet in der Beschreibung der unglücklichen gefühlvollen Beziehung zwischen D. Pedro und D. Inês de Castro die klassische Form und den Gebrauch des Blankoverses auf bewundernswerte Weise.

Bernardim Ribeiro
Bernardim Ribeiro (1482-1552) ist einer der rätselhaftesten Schriftsteller der portugiesischen Literatur, was vor allem seinem Livro das Saudades („Buch der Sehnsüchte“) geschuldet ist. Das außergewöhnliche Werk, bekannter unter dem Titel Menina e Moça (das sind die Wörter, mit denen es beginnt), verbindet die typisch mittelalterliche Rittertradition mit Renaissance-Elementen. Herausragend sind die Einbindung der ländlichen Natur in die Erzählung und eine sehr tiefgehende psychologischen Analyse der weiblichen Hauptperson. In dem 1554 veröffentlichten Werk findet sich kein Erzählschema. Abgesehen davon ist es offensichtlich, dass Menina e Moça nicht beendet wurde. Eine exakte Einordnung in ein literarisches Genre, das dieses Werk noch weiter präzisieren würde als die bloße Bezeichnung ‚Roman’, ist deshalb schwierig. Des Weiteren schrieb Bernardim Ribeiro Eklogen, die ebenfalls im Cancioneiro Geral enthalten sind.

Trovas de Crisfal
Einer in dieser Epoche erschienenen Ekloge gelang es, die Aufmerksamkeit und Zweifel vieler Kenner der portugiesischen Literatur zu wecken. Veröffentlicht auf Flugblättern um 1565, könnte diese Ekloge glatt dem Werke Bernardim Ribeiros als Roman zugerechnet werden. Doch gagegen sprechen die dichterische Form und dass die Hauptperson Cristóvão Falcão heißt. (Der Originaltitel der Ekloge, Trovas de Crisfal, entspringt der Kombination aus der ersten Silbe der beiden Namen). Dieser war ebenfalls Schriftsteller und lebte während der Herrschaft von D. João III. Die Verbindung von Realität und Fantasie in einer traumartigen Atmosphäre führte allerdings bei manchen dazu, die Autorschaft Bernardim Ribeiro zuzuschreiben – zum einen, weil keine Werke von Cristóvão Falcão bekannt sind, die die Definition eines Stils ermöglichen würden, und zum anderen rückt das ritterliche Ambiente in Crisfal dieses in die Nähe des Livro das Saudades. Beiden Werken wesentlich und gemeinsam ist das Thema der „saudade“ (Sehnsucht), welches sich schon in den troubadourischen Liedern findet. Nicht einmal die neuen Regeln der literarischen Renaissance („Renascimento“) konnten es von der portugiesischen Lyrik fernhalten. Ganz im Gegenteil wird es auch in anderen intellektuellen Bereichen aufgegriffen wie zum Beispiel in der Philosophie und der Politik.


Literatur und Inquisition

Inzwischen musste sich die literarische Strömung der portugiesischen Renaissance mit einer Realität auseinandersetzen, die das soziale und kulturelle Leben der Iberischen Halbinsel für Jahrhunderte dominieren sollte: der Inquisition. Aufgrund der von der Inquisition eingeführten Zensur sahen sich António Ferreira, Gil Vicente (trotz der Unterstützung seines Schaffens durch den Hof) und Bernardim Ribeiro mit dem Verbot von Teilen ihres Werkes konfrontiert.


Text: Alcides Murtinheira
Übersetzung: Martina Schmidt