19. Jahrhundert: Die Romantik

Die Romantik entwickelte sich aus dem Ringen um eine angemessene Sprache zur Beschreibung des Alltäglichen.


Die Vertreter der Vorromantik

Manuel Maria Barbosa du Bocage
Manuel Maria Barbosa du Bocage (1765-1805) gehörte zur Nova Arcádia und ist ein sogenannter Vorromantiker. Als großer Verehrer von Luís de Camões bemühte er sich ebenso, seiner inneren Welt, seinen Empfindungen und Emotionen in sehr gefühlvollen Sonetten eine poetische Form zu geben. Er widmete sich auch dem Verfassen von Epigrammen, die er oft improvisierte. Durch ihre Spontaneität und ihren Witz machen sie seinem dramatischen Werk die Vorrangstellung sogar etwas streitig. Eines seiner herausragenden dramatischen Werke ist eine Cantata à Morte de Inês de Castro, die auf der Tragödie von António Ferreira basiert.

Leonor de Almeida (Marquesa de Alorna)
Eine andere Schriftstellerin, in deren Werk sich die Romantik ankündigt, ist Leonor de Almeida (1750-1839), bekannter unter dem Namen Marquesa de Alorna. Sie verbindet die vorherrschend dunkle und pessimistische Atmosphäre der vorromantischen Werke mit einer nordisch angehauchten Aura, in der die Natur eine ausschlaggebende Rolle einnimmt.


Almeida de Garrett – Begründer der Romantik

Letztlich kommt es zu einer Verbindung der Romantik mit den liberalen Idealen, die nach dem Kampf zwischen Liberalen und Absolutisten (der tatsächlich als Bürgerkrieg bezeichnet werden kann) triumphierten. Diesen Idealen folgte schon bald Almeida Garrett (1799-1854), der im Portugal des 19. Jahrhunderts eine der facettenreichsten Personen des kulturellen Lebens darstellte. Er war Journalist, Abgeordneter und sogar Minister. Für viele gilt er mit dem Gedicht Camões (1825) als der Begründer der Romantik in Portugal. Darin sind zahlreiche charakteristische Elemente dieser damals neuartigen Literatur enthalten: die Wertschätzung des Individuums (auch die Nation wurde als kollektives Individuum gesehen), die Natur in ihrem heftig-tobenden Zustand und die Achtung für volkstümliche Themen.

Die Intimismus der Verse in Folhas Caídas unterstreichen diese Charaktereigenschaften. Almeida Garretts Talent galt aber auch für andere literarische Bereiche. Bei den Romanen verdient neben O Arco de Sant’Ana (einer interessanten Mischung aus historischem und Personenroman) vor allem Viagens na Minha Terra besondere Beachtung. Dieser originelle Entwurf verbindet Geschichte und innere Bekenntnisse auf einer „Reise“, die im Wesentlichen auf der geistigen Ebene stattfindet.

Almeida Garrett fühlte sich auch vom Theater angezogen und brachte in das Genre gleich zu Beginn Prosa mit ein, was eine Neuheit war. In Um Auto de Gil Vicente bilden die Figur des ersten großen Dramaturgen Portugals und seine Familie die Grundlage des Werkes, in dem der Appell an die nationalen Werte einhergeht mit der empfindsamen Schilderung von Situationen und der sich darin befindlichen Personen.

Garretts Meisterwerk ist jedoch Frei Luís de Sousa, eine Mischung aus Melodrama und Tragödie. Das Stück führt den Leser zurück zum Ende des 16. Jahrhunderts, in eine Zeit, als Portugal schon der spanischen Herrschaft unterworfen war. In Frei Luís de Sousa findet sich ein Leitfaden der romantischen Prinzipien: ein patriotisches Thema, Volksglauben (insbesondere der Glaube an das mögliche Überleben von König D. Sebastião) und Konflikte zwischen den Figuren, die zugleich auch Konflikte auf nationaler Ebene widerspiegeln.

Garrett sind auch die drei Volumen des Romanceiro geschuldet, eine Sammlung von Beispielen aus der mündlich übertragenen Literatur, die ein wertvolles kulturelles Erbe des portugiesischen Volkes darstellt.


Alexandre Herculano

Alexandre Herculano (1810-1877) unterstützte ebenso wie Almeida Garrett auf unmissverständliche Weise die liberale Bewegung. Seine Dichtung, durch die er seine Ideale vermittelte, ist von Philosophie und Theologie geprägt, wobei A Harpa do Crente besonders hervorsticht.

In der Romantik ändert sich das Wesen des Romans – im Wesentlichen durch die didaktische Ausrichtung des Inhalts. Mit außergewöhnlicher Kunstfertigkeit (in Bezug auf das Vokabular und die Beschreibung von Orten und Kleidern) wird das mittelalterliche Ambiente rekonstruiert, das zum bevorzugten Szenarium seiner Romane wird. Die Romane O Bobo (1843), Eurico, o Presbítero (1844), O Monge de Cister (1848) und die Bände Lendas e Narrativas (1851) werden noch heute mit großem Interesse gelesen. Dies verdanken sie der erfolgreichen Kombination aus historischen und fiktiven Fakten und einer Sprache, die ohne Künstlichkeit auskommt, aber reich ist an Farbe und Bewegung. Dieser Stil erinnert an die Beschreibungen von Fernão Lopes, auch wenn sich die portugiesische Sprache in der Zwischenzeit natürlich verändert hat. Alexandre Herculano tut es dem ersten Geschichtsschreiber Portugals gleich und stützt sich bei seiner Arbeit auf Dokumente, die er kritisch analysiert: Sein Ziel ist die Ausarbeitung der portugiesischen Geschichte zwischen 1846 und 1853 und die História da Origem e Estabelecimento da Inquisição em Portugal („Geschichte des Ursprungs und der Etablierung der Inquisition in Portugal“) (1854).


Die Ultra-Romantik

Der Blick zurück in die Vergangenheit auf Situationen, die als Beispiel für die gegenwärtige Gesellschaft oder schlicht und einfach als Warnung dienten, führte letztlich zu einem Überfluss an melancholischen Themen und zu einem übertriebenen erzieherischen Ehrgeiz. Das hatte eine erste Entkräftung der ursprünglichen romantischen Ideale zur Folge. Man kann von einer „Ultra-Romantik“ sprechen, zu deren Vertretern vor allem António Feliciano de Castilho (1800-1875) gezählt werden kann. Dieser machte sich einen sehr großen Namen in der literarischen Bewegung Portugals im 19. Jahrhundert, obwohl er seit seinem 6. Lebensjahr blind war. Das ist insofern bemerkenswert, als zu dieser Zeit die Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten für Personen mit dieser körperlichen Einschränkung sehr rar waren. A Noite und Os Ciúmes de Bardo (1836) sind seine bedeutendsten poetischen Werke, bekannt ist er aber auch durch seine Aktivitäten als Übersetzer von Dichtungen (speziell lateinischen) und als Pädagoge.

Noch ultra-romantischer war Soares dos Passos (1826-1890), dessen finstere Gedichte in düstere Szenarien eingebettet sind und den Leser in ein extrem bedrückendes Ambiente versetzen.


Der Weg von der Romantik zum Realismus

Camilo Castelo Branco
Camilo Castelo Branco (1825-1890) ist für viele die herausragende Persönlichkeit der romantischen Romanautoren. Fakt ist aber, dass er in seinem sehr umfangreichen Werk (man kann ihn als Berufsschriftsteller bezeichnen) auch Richtungen einschlägt, die sich von der Romantik entfernen. Damit schlägt er eine Brücke zu den realistischen Bewegungen, die sich um eine getreuere Reproduktion der Wirklichkeit bemühten.

Allerdings finden sich zweifellos grundlegende romantische Charakteristika in den Romanen von Camilo Castelo Branco: die tragische Liebe, die angesichts deren unmöglicher Erfüllung stets den Tod zur Folge hatte, das fast immer ländliche Szenario und die Einbindung geschichtlicher Erinnerungen (die meisten stammten aus dem 18. Jahrhundert). Neben diesen Charakteristika, die sein bekanntestes Werk Amor de Perdição (1826) enthält, dürfen auch die soziale und politische Kritik, die sich in den Werken wie A Queda dum Anjo (1865) oder A Brasileira de Prazins (1882) findet, nicht außer Acht gelassen werden. Weniger bekannt, aber deswegen nicht weniger interessant sind seine Ausflüge ins Theater mit den Komödien O Morgado de Fafe em Lisboa (1861) und O Morgado de Fafe Amoroso (1865).

Júlio Dinis
Eine ebenso außergewöhnliche Kunst des Erzählens findet sich bei Júlio Dinis (1839-1871). Bei ihm ist die Verbindung von romantischem und realistischem Modell noch deutlicher zu erkennen, besonders im Roman. Er war auch Mediziner (Júlio Dinis ist in Wahrheit ein Pseudonym; sein richtiger Name war Joaquim Guilherme Gomes Coelho) und kannte dementsprechend viele menschliche Situationen, die sich für die Darstellung in der Prosa eigneten. Romane wie As Pupilas do Senhor Reitor (1866), A Morgadinha dos Canaviais (1868) und Os Figaldos da Casa Mourisca (1871) beschreiben sehr glaubwürdig das bäuerliche Ambiente, während die Mehrheit der Figuren eher romantische Charakteristika verkörpert. Uma Família Inglesa (1868), das in Porto spielt, enthält auch eine Kritik der Gesellschaft, in der das Kleinbürgertum nach und nach erwächst.

João de Lemos und João de Deus
João de Lemos (1819-1890) und João de Deus (1830-1896) beschäftigen sich mit sozialen Themen in ihrer Poesie. Speziell im Fall von João de Lemos kann man von einer Lobrede des industriellen Fortschritts sprechen, was als Übergang der romantischen Gattung in den Realismus gesehen werden kann, der die Literatur am Ende des Jahrhunderts kennzeichnet. João de Deus ist außerdem Autor der Cartilha Maternal (1876), die zu einem wichtigen Instrument der Alphabetisierung in Portugal und jahrzehntelang benutzt wurde.


Text: Alcides Murtinheira
Übersetzung: Martina Schmidt