Biografische und literarische Daten (1845-1900)

Kindheit

Eça de Queiroz an seinem letzten Wohnsitz in Neuilly - ca. 1893. / Eça de Queirós na sua última residência de Neuilly - c. 1893. (Foto: Bibl. Nacional)

Eça de Queirós wurde am 25. November 1845, als Sohn und Enkel von Richtern, in Póvoa de Varzim geboren, wo ihn seine Mutter Carolina Augusta Pereira d`Eça – gebürtig aus Viana do Castelo – als Frucht heimlicher Liebe im Haus von dort lebenden Verwandten zur Welt brachte. Seine Eltern heirateten erst vier Jahre später.

Sein Vater Dr. José Maria Teixeira de Queirós war damals Delegierter des königlichen Statthalters in Ponte de Lima. Kurz nach seiner Geburt wird José Maria in die Obhut einer Amme nach Vila do Conde gegeben, wo er auch getauft wird.

Sein zweites Zuhause ist das seiner Großeltern väterlicherseits in Verdemilho, Aveiro, wo er bis zu ihrem Tod bleibt. Zu diesem Zeitpunkt ist er zehn Jahre alt und wird als Internatsschüler in das Colégio da Lapa in Porto aufgenommen, wo sein Vater den Posten eines Richters innehat.


Coimbra und Lissabon

Mit 16 Jahren geht er nach Coimbra, wo er sich für Jura einschreibt. Erst nach Beendigung seines Studiums wird er zusammen mit seiner Familie in Lissabon leben, wohin sein Vater versetzt wurde. Die Umstände seiner Geburt und die Ablehnung durch seine Mutter sind Ereignisse von großer Bedeutung und möglicherweise die auffälligsten, von Kritikern und Biographen viel zitierten biographischen Daten seines Lebens. Und so übertrifft die Tatsache, dass er ohne Mutter groß geworden war, bei weitem den Umstand, dass er erst mit vierzig Jahren anlässlich seiner Hochzeit im Jahre 1886 von Seiten seiner Eltern offiziell als Sohn anerkannt wurde.

Die Jahre in Coimbra (1861-1866), wo starke romantische und positivistische Strömungen aufeinandertreffen, sind die ausschlaggebendsten für seine intellektuelle und staatsbürgerliche Bildung, als Teil einer Generation, die – gemäß ihres Führers Antero de Quental – „die erste in Europa war, die entschlossen und bewusst den alten Weg der Tradition verließ.“ Später wird Eça de Queirós ein Porträt dieser Generation von Coimbra zeichnen, in einem Text von großer formaler Schönheit mit dem Titel „Antero de Quental“, der posthum in Notas Contemporâneas veröffentlicht wurde. In diesem Text erwähnt er die kulturellen Ereignisse und Entdeckungen, welche seine geistige Orientierung geprägt haben, und ruft sein Zusammenleben mit dem Autor der Sonetos wach.

Der nonkonformistische Geist, der all seine Schriften, journalistischen Chroniken, Aufsätze und Romane durchzieht, scheint in diesen Jahren von Coimbra verwurzelt zu sein. Obwohl er ständig über die Universität herzieht, sie „verbitterte und mürrische Stiefmutter“ nennt, wird er später offenkundige Sehnsucht nach diesen Jahren haben. Es ist demnach keineswegs befremdlich, dass er die gesamten Protagonisten seiner Romane Coimbra passieren lässt, wo sie seine eigenen Erfahrungen als Student durchleben, so z.B. Gouveia Ledesma, Raposão, Artur, Damião, Carlos da Maia, João da Ega, Vítor, Alípio Abranhos, Teodoro, Carlos Fradique Mendes, Gonçalo Mendes Ramires, José Fernandes und Jacinto.

Seine ersten Texte, die er in Form von Feuilletons in der Zeitschrift Gazeta de Portugal veröffentlichte und die posthum unter dem Titel Prosas Bárbaras (1903) zusammengefasst wurden, verblüfften mit einer stark von der europäischen Literatur der Romantik (Victor Hugo, Baudelaire, Hoffmann) beeinflussten, dreisten Neuartigkeit. Óscar Lopes bezieht sich in seiner História da Literatura (17. Ausgabe, S. 859) auf diese feuilletonistischen Schriften „als ob sie eine Katharsis von unaussprechlichen Ängsten und Aberglauben wären“, oder, mit anderen Worten, etwas Tiefes und Hemmungsloses, das sein Echo in der Dichtung von Cesário Verde, Eugénio de Castro und Camilo Pessanha finden wird.


Évora, Lissabon und die Orientreise

In Évora erwartet ihn unterdessen eine bedeutsame journalistische Erfahrung als Direktor und Redakteur der oppositionellen Zeitschrift Distrito de Évora (1867), in der er seine literarischen Fähigkeiten unter Beweis stellt.

Eine Orientreise (Oktober 1869 bis Januar 1870) nach Malta, Ägypten und in das Heilige Land ermöglicht ihm, bei der Einweihung des Suez-Kanal dabei zu sein, und sein noch romantischer kultureller Horizont wird um eine Realität ergänzt, welche im Folgenden sein Schreiben verändern wird. Diese Reise versorgt Eça de Queirós reichlich mit Stoff für O Mistério da Estrada de Sintra, ein feuilletonistisch-mysterischer Roman, den er in Zusammenarbeit mit Ramalho Ortigão schreibt. Weiterhin liefert sie das grundlegende Motiv für das posthum veröffentlichte Werk O Egipto, Notas de Viagem (1926) und inspiriert außerdem wesentlich einen seiner gelungensten Romane, A Relíquia (Die Reliquie) (1887).


Leiria

Es folgt eine neue sechsmonatige Erfahrung als Bezirksverwalter in Leiria, die sich als sehr fruchtbar herausstellt. Die Beobachtung des ländlichen Lebens in den Provinzen wird ihm das Material für den ersten realistischen portugiesischen Roman liefern, O Crime do Padre Amaro (Das Verbrechen des Paters Amaro), der fünf Jahre später im Jahre 1875 erscheint.


Satire: As Farpas und Uma Campanha Alegre

Die erneut in Zusammenarbeit mit Ramalho Ortigão erstellte Publikation As Farpas, im Jahr 1871, in Form von kleinen Heftchen mit sozialer, kultureller und politischer Satire, erlaubt ihm großzügigen Gebrauch von seinem ironischen und satirischen Talent zu machen. Sein Beitrag wird später überarbeitet und unter dem Titel Uma Campanha Alegre (1890) wiederveröffentlicht. Auf diesen Seiten zeigen sich „der Geistesblitz, der Witz, die Ironie, das Epigramm, das glühende Eisen, die Peitsche, in den Dienst der Revolution gestellt“, wie er schreibt.

Die große Berufung zum Schriftsteller in Verbindung mit seinem außergewöhnlich kritischen Temperament, ließen Eça glauben, dass seine Gabe als Beobachter, inspiriert durch die hohen Ideale der Gerechtigkeit und des sozialen Bewusstseins, zum einen zur Befreiung Portugals von seiner lokalen Rückständigkeit sowie zum Wandel der Bräuche und der Mentalität beitragen könnte. Sein Humor bestand im Lachen, „das Lachen, mit dem gekämpft wird“, wie er im Vorwort zu Uma Campanha Alegre schreibt.


Neue Ideen: Conferências do Casino

As Farpas, die einen Meilenstein kritischer Schärfe darstellen, erscheinen im selben Jahr, in welchem auch die von Antero de Quental geleiteten Conferências Democráticas do Casino stattfanden. Neben Eça de Queirós nehmen unter anderem Jaime Batalha Reis, Adolfo Coelho und Salomão Saraga teil. Ziel dieses Kolloquiums ist die Einbindung Portugals in die moderne europäische Bewegung anhand von Diskussionen über die neuen sozialen, politischen und kulturellen Ideen. Die Vorträge finden zu dem Zeitpunkt im Kasino von Lissabon statt, als sich in Paris die blutigen Zusammenstöße der Pariser Kommune ereignen.

Eça referiert bei dieser Gelegenheit über „Die Behauptung des Realismus als neue Form der Kunst“. Unter dem Einfluss von Flaubert, Proudhon und Taine definiert Eça die realistische Schule als „die Verneinung der Kunst um der Kunst willen (l’art pour l’art)„. Sie ist nach seinen Worten die „Verbannung des Konventionellen und Kleinlichen. Sie ist die Analyse, welche die absolute Wahrheit zum Ziel hat.“

Themen wie Sozialismus, Religion und Erziehung erwecken die Aufmerksamkeit der Regierung, die schließlich die Fortsetzung der Konferenz verbietet. Aus diesen Ereignissen geht der ideologisch bedeutsame Text Causas das decadências dos povos peninsulares nos últimos três séculos von Antero de Quental hervor. Antero schreibt unsere Dekadenz der katholischen Kirche, dem Absolutismus und den Eroberungen in Übersee zu.

Tormes, vom Bahnhof aus gesehen. / Tormes vista da estação ferroviária.

Die Erkenntnis über die vaterländische Dekadenz, wiederkehrendes Element der queirosianischen Literatur, insbesondere in Os Maias (Die Maias), scheint im Zusammenhang mit einem durchgängigen Antiklerikalismus diesen Beitrag von Antero aufzugreifen.

Nach den durch fieberhafte Aktivität gekennzeichneten Jahren in Lissabon, in die sich auch die Schöpfung des gemeinschaftlichen Heteronyms Carlos Fradique Mendes, Dichter der Moderne, in Zusammenarbeit mit Antero und Jaime Batalha Reis einordnen lässt, folgt der Beginn seiner Karriere als Konsul, die Eça de Queirós 28 Jahre ins Ausland führt.


Beginn seiner Karriere als Konsul: Kuba

Seine erste Dienststelle ist Kuba auf den Spanischen Antillen (Dez. 1872 – Mai 1874). Dort verteidigt er die Zivilrechte der Kulis, versklavte chinesische Emigranten aus Macau, die von den Zuckerrohrpflanzern ausgebeutet wurden. Am Ende seiner Amtszeit als Konsul und nach einer fünfmonatigen Reise in die USA und nach Kanada, wird im Diário de Notícias seine erste Erzählung „Singularidades de uma rapariga loura“ veröffentlicht; diese Erzählung ist Produkt einer originellen realistischen Anschauung und eines reifen Schreibstils, welche einen großen Prosaisten ankündigen.


O Crime do Padre Amaro und O Primo Basílio

Als er nach Lissabon zurückkehrt, zählt zu seinen Manuskripten auch O Crime do Padre Amaro, das er seinen Freunden Antero de Quental und Jaime Batalha Reis übergibt, damit diese es in der von ihnen geleiteten Zeitschrift Revista Ocidental (1875) in Fortsetzungen veröffentlichen. Der Roman erscheint, als sich Eça auf seinem zweiten Konsularposten in Newcastle im Norden Englands befindet. Die überhastete Veröffentlichung in Fortsetzungen versagt ihm die Möglichkeit, die Druckfahnen zu korrigieren, ein Umstand, der die literarische Vervollkommnung verhinderte, welche stets ein grundlegendes Element seiner Arbeitsweise darstellte. Später bezeichnet Eça diese erste Version als ein „literarisches Desaster“.

Ein Jahr später erscheint seine überarbeitete Version als Buch. Sein Drang zur Perfektion führt zu einer ständigen Verbesserung dieses Werkes, von dem es letztlich drei Versionen gibt. Am Rand der zweiten Ausgabe notierte Camilo: «Bewundernswert. Ein Meisterwerk, welches wie Bronze allen zerstörerischen Entwicklungen der Schulen und der Mode trotzen wird». Darauf folgt der Roman O Primo Basílio (Vetter Basilio) (1878), der den Ehebruch einer Kleinbürgerin aus der Lissabonner Baixa thematisiert, wobei die Baixa als Schauplatz der gesamten Handlung des Romans dient. Es wird ebenso in Portugal wie in Brasilien das Werk mit der größten Auflage werden, von dem bereits zwei Ausgaben im Jahr der Veröffentlichung erscheinen. Der Aufbau und die Schlüssigkeit der Erzählung, die Verknüpfung unzähliger typischer und wahrhaftig wirkender Einzelheiten, darunter die Träume, und die typologische und psychologische Vielfalt der Figuren, zu denen der Ratsherr Acácio und Juliana als zwei der ausdruckskräftigsten Figuren seines Repertoires gehören, machen aus diesem Werk ein modellhaftes Beispiel für den realistischen Roman.


England: Newcastle und Bristol

Eça mit seinem Sohn / Eça com o filho

Der produktivste Zeitraum in seiner Karriere ist sein Aufenthalt in Newcastle, wo er das ehrgeizige Projekt der Cenas da Vida Portuguesa realisiert, eine Sammlung von zwölf Romanen, die er im Rhythmus von einem Roman in zwei Monaten glaubte herausbringen zu können und in denen er die kritische Bestandsaufnahme der portugiesischen Gesellschaft erbringen wollte. Teile dieses Projektes sind z.B. Werke wie A Capital (Die Hauptstadt), Os Maias, O Desastre da Rua das Flores, etc. Eine intellektuelle Krise verursacht einen Bruch in seinem naturalistisch-realistischen Kanon, dem er bis dahin gefolgt war. Der radikale Unterschied zwischen der Gesellschaft im Norden Englands, wo er lebte, und der portugiesischen Lebensweise, die er schildern wollte, bereiteten ihm Schwierigkeiten dieses Milieu literarisch zu gestalten. Andererseits bedrückte ihn die Einsamkeit. Seine Heirat im Jahre 1886 erschien ihm eine Möglichkeit, die er bis dahin zurückgewiesen hat.

Als er schon in Bristol angestellt war (April 1879-1888) schrieb er die fantastische Nouvelle O Mandarim (Der Mandarin), in der er, ohne auf die Chiffren eines deftigen Realismus zu verzichten, seinem inneren Talent als Fantast freien Lauf lässt. Diese Dualität bringt er mit eigentümlichem Witz vortrefflich im Vorwort der französischen Ausgabe dieses Werkes zum Ausdruck; sie wird allerdings von den positivistischen Doktrinären Teófilo Braga und Reis Dâmaso negativ aufgenommen.

Ein burlesker Roman, der kurz nach seiner Heirat erschien und den einige Autoren als sein originellstes und persönlichstes Werk bezeichnen, ist A Relíquia (1887), ein cervanteskes, erheiterndes und unehrerbietiges Triptychon, in dem eine gnadenlose Satire auf die katholische Scheinheiligkeit, die Gier nach dem Geld und die Heuchelei vorgenommen und das wiederkehrende Thema der Relativierung des menschlichen Wissens erläutert wird.

Daraufhin folgt sein ehrgeizigster und bedeutendster Roman Os Maias (1888), in dem sich seine geballte Erfahrung als Dichter entfaltet, «alles, was er im Sack hatte», wie er gestand. Neben einem klassischen Drama über geschwisterlichen Inzest, zeigt sich in diesem Roman ein Panorama des mit Dekadenz, Verzicht und Enttäuschung beladenen Portugal des 19. Jahrhunderts, das man als literarische Umschreibung des Werkes Portugal Contemporâneo seines Freundes Oliveira Martins bezeichnen könnte. Die zeitgenössische Kritik, die auf ein Werk, das sich von den französischen Modellen abhob, die gewöhnlich als Bezug dienten, nicht eingestellt war, begriff insgesamt nicht, was diese beiden Bände, deren Wert erst ein halbes Jahrhundert später angemessen eingeschätzt wurde, an Neuem enthielten.


Paris: die ersten Jahre

Kurz nach seiner Versetzung nach Paris im Jahre 1888, widmet sich Eça dem Erscheinen der Zeitschrift Revista de Portugal (1889-1892) mit dem Anspruch, dass sie das „niedergeschriebene Gewissen der Nation“ sei. Obwohl er die berühmtesten Intellektuellen des Landes zur Zusammenarbeit aufforderte, scheitert dieses Unternehmen nach 24 veröffentlichten Ausgaben. Die Correspondência de Fradique Mendes und die Übersetzung von Minas de Salomão waren die größten Erfolge dieser Zeitschrift.

In der Einleitung zu der Correspondência de Fradique Mendes, welches erst in seinem Todesjahr 1900 als Buch veröffentlicht wurde, bringt Eça den Dandyismus des auslaufenden Jahrhunderts und seine eigene Suche nach der absoluten Schönheit zum Ausdruck. Diese Einleitung mit dem Titel „Memórias e notas“, in welcher er die Biografie Fradiques präsentiert, ist reich an Reflexionen und Humor, und gewiss noch origineller als die Briefe von Fradique, obwohl in ihnen noch der kritische Geist, der Eça selbst eigen ist, weiterlebt.

Im Anschluss daran wirkt er an der von einem Brasilianer in Paris herausgebrachten Zeitschrift Revista Moderna mit, in welcher seine Erzählungen „A perfeição“, „José Matias“ und „Suave milagre“, mehrere Chroniken sowie ein Artikel über Eduardo Prado und die erste, unvollständige Ausgabe von A Ilustre Casa de Ramires (Das berühmte Haus Ramires) (1897) erscheinen.

Aus diesem Zeitraum stammt der berühmte Artikel bezüglich Anteros Werk In Memoriam (1894), welcher postum in die Notas Contemporâneas aufgenommen wird. Neben seiner formellen Perfektion kann dieser Artikel auch als ein vorbildliches Rühmen freundschaftlicher und dankbarer Gefühle gegenüber einem intellektuellen Mentor angesehen werden.


Paris: Civilização und A Cidade e as Serras

Ein Landhaus in Santa Cruz do Douro, das seine Frau im Jahre 1892 erbt, ist Grundlage für die Erzählung „Civilização“, die später erweitert und zum Roman A Cidade e as Serras (Stadt und Gebirg) umgewandelt wird. Diese nouvelle phantaisiste, wie er sie selber definierte, voll subtiler Zweideutigkeit und großer stilistischer Feinheit, karikiert die Übertreibungen der technologischen Zivilisation, wobei dem künstlichen Leben in den Städten die Einfachheit des ländlichen Lebens entgegengestellt wird. Eça beschrieb alles in allem damit eine Dichotomie, die er selbst ausprobierte: der Wunsch in Santa Cruz do Douro (im Roman Tormes) zu leben, ohne jedoch auf die unzähligen materiellen und kulturellen Vorteile zu verzichten, die er in Paris genoss. Es ist ein kleines Meisterwerk, geschrieben in dem besonders bedeutsamen Moment, in dem der Autor der Authentizität des ländlichen Portugals wiederbegegnet, zu einem Zeitpunkt, als er zunehmend des Stadtlebens müde wurde, in Verbindung mit den Maläsen seiner äußerst prekären Gesundheit, zwei Jahre nach dem durch das englische Ultimatum verursachten schweren Schlag.


Paris: A Ilustre Casa de Ramires

Im Todesjahr des Autors erscheint A Ilustre Casa de Ramires, Lebensbericht eines Aristokraten, dessen Stammbaum älter als der portugiesische Staat ist. Dieser ist Autor einer historischen Novelle über seine Vorfahren aus dem 13. Jahrhundert, welche in die Erzählstruktur des Romans integriert ist. Ein Protagonist voller Widersprüche, mit Momenten des Leichtsinns und der Feigheit, aber auch tapferen und großmütigen Taten; Geldmangel lässt ihn zum Parlamentsabgeordneten werden, nachdem uns in einer Reihe von Episoden ein Eindruck der politischen Lage des damaligen Portugals vermittelt wird. Noch immer unzufrieden entscheidet sich Gonçalo Mendes Ramires nach Afrika aufzubrechen.

Dort gelangt er mit landwirtschaftlichen Unternehmungen, die er in seinem eigenen Land nicht umzusetzen wusste, zu Reichtum.

Dadurch, dass Eça die letzen Kapitel dieses Werkes nicht überarbeitet hat, erscheinen einige Schlüsse, die man aus dem Ende des Werkes gezogen hat, in gewisser Weise willkürlich. Wenn das Leben von Gonçalo Mendes Ramires die Dekadenz der aristokratischen Klasse Portugals im 19. Jahrhundert enthüllt, dann erscheint die Idee nachvollziehbar, dass von ihren traditionellen Tugenden noch etwas zu erwarten sei.

An diesem Gonçalo lassen sich Charaktereigenschaften und Probleme seines Schöpfers entdecken, was übrigens auch bei Figuren wie Teodoro, Raposão, Carlos da Maia, João da Ega, Artur und Carlos Fradique Mendes der Fall ist. Man kann sagen, dass einer der eigentümlichsten Charakterzüge von Eça de Queirós als Romanautor die Art und Weise ist, mit der er sich oft hinter seinen Figuren versteckt und so unbarmherzige Karikaturen seiner selbst hervorbringt. Auf der anderen Seite kann der Darstellung der ungeheuer wohlhabenden Figuren eine kathartische Funktion zugeschrieben werden, so etwa bei Teodoro, Carlos da Maia, Fradique und Jacinto, welche als Ausgleich für die ständigen Schuldenprobleme dienten, mit denen ihr Schöpfer sich sein Lebtag lang herumschlug.

Aus Eça de Queirós letzter Phase stammen noch die Heiligenlegenden, die 1912 unter dem Titel Últimas Páginas veröffentlicht wurden und welche die Erzählung „São Cristóvão“ beinhalten, eine wunderschöne sozialkritische Parabel mit zwei denkwürdigen Momenten: die schwarze Messe und die Schlacht der Jacques.


Literarische Prosa

Wenn wir nun in wenigen Worten die vorherrschenden Qualitäten der Prosa dieses Autors zusammenfassen wollten, müssten die Originalität seines Stils sowie die Fähigkeit, ein ungeheures Lesevergnügen zu erzeugen genannt werden. «Die Vorgehensweise fehlt mir nicht: die beherrsche ich besser als Balzac, Zola und all die anderen», schrieb er einmal, er, der immer Selbstkritische. Er gestand auch, dass es seinem Stil zwar an Kraft fehlte, dass dieser jedoch «Klarheit, Struktur, Transparenz, Genauigkeit und Helligkeit» beinhalte.

Schon gegen Ende seines Lebens, im Jahre 1894, schrieb er in einen berühmten Brief an Alberto de Oliveira, dass die Kunst des Schreibens, wie die Schönheit, eine «Gabe der Götter» sei, und betonte, dass «Genauigkeit, Klarheit und Rhythmus die höchsten Eigenschaften der Vernunft sind». Diese Verknüpfung von Verstand und Stil hatte er schon in Os Maias durch die Stimme von Carlos da Maia formuliert. Das Thema taucht in einem Gespräch mit dessen Großvater Afonso auf, in dem es um das Bemühen der Bewohner der iberischen Halbinsel um die Form geht, was Carlos zu der Frage veranlasst, «ob der Stil nicht eine Disziplin des Denkens sei»… Die Klugheit und die kritische Geistesklarheit der queirosianischen Prosa scheinen dies zu bestätigen.

Neben dieser Geistesklarheit muss die Einfachheit als eine weitere essentielle Eigenschaft hinzugefügt werden, auf die er sich in einem lapidaren Text über die Schauspielerin Eleanora Duse bezieht: «In der Kunst, so sie stark, scharfsinnig und überlegen ist, geht die Einfachheit immer aus einer gewaltigen Anstrengung hervor. Man koordiniert keinen geistigen Einfall mit klarer Intelligenz, man erreicht keine einfache, bündige und harmonische Formulierung ohne lange und wilde Kämpfe, in denen Geist und Wille Seite an Seite keuchen». Andererseits gehen Humor und Ironie in seiner Kunst Hand in Hand. Der Humor ist oft erheiternd und die Ironie fast immer subtil.

Weiterhin sollte man bei einer Charakterisierung der queirosianischen Erzählweise die meisterhafte Natürlichkeit seiner Dialoge als entscheidendes Element der Wahrhaftigkeit anmerken, ebenso wie das Talent, die Erzählung durch unzählige Elemente zu bereichern. Stoffe, Düfte, Lebensmittel, Pflanzen, Möbel, reale Beschreibungen der städtischen Geografie ebenso wie Plätze und Straßenzüge, all das hat eine spezifische Funktion: uns den Eindruck des Realen zu vermitteln.

Auch die Träume der Figuren, die schon von Psychoanalytikern und Psychiatern analysiert und in verschiedene Typen und Kategorien klassifiziert wurden, erscheinen oft mit betont symbolhafter Funktion und sogar als ergänzende Elemente bei der Darstellung insbesondere des sexuellen Verhaltens, zumal eine stark erotische Komponente große Teile des Werkes des Autors von Os Maias durchzieht.


Journalistische Chronik und Erzählungen

Zwei weitere literarische Gattungen zeigen deutlich die besonderen Qualitäten des Prosaisten Eça: die journalistische Chronik und die Erzählung. Beide wurden von ihm ohne den Zwang der Schule der realistischen Romane praktiziert. Mit 29 Jahren schreibt er „Singularidades de uma rapariga loura“ und schließlich in den letzten Jahren „Suave milagre“, ein Muster literarischer Virtuosität. Dazwischen publiziert er „A perfeição“, „O defunto“ („Der Gehenkte“), „José Matias“, „Um poeta lírico“, „O tesouro“ e „S. Cristóvão“.

Hier sind seine Figuren soziologisch gesehen sicherlich weniger repräsentativ, dafür sind sie jedoch aus psychologischer Sicht individueller gestaltet. Sie sind oft ungewöhnliche und kränkliche Wesen, die ihm die Gelegenheit geben, die Wechselfälle der menschlichen Existenz zu problematisieren. In diesem Fall sind dies zum Beispiel die Kleptomanin Luísa aus „Singularidades“, der tragischerweise gelähmte José Matias, der Dichter Koriscosso aus der Erzählung „Um poeta lírico“ und D. Afonso de Lara aus der Erzählung „O defunto“, die eine Art Parabel über die Eifersucht mit unerwartetem Ausgang darstellt. Unter all diesen nimmt die Erzählung „José Matias“ wegen des subtilen Reichtums ihrer Erzählstruktur und ihrer Modernität einen besonderen Platz ein. In ihr werden zwei bei Eça wiederkehrende Themen problematisiert: die Unmöglichkeit der Liebe und die Schwierigkeiten, welche die Philosophie – oder in diesem Fall die Psychologie – als Mittel hat, die menschliche Natur zu erkennen.


Literarische Chronik

In der Gattung der literarischen Chronik könnten „Espiritismo“ und „No mesmo hotel“ hervorgehoben werden, die beide in den Notas Contemporâneas zu finden sind.

Erstere ist die Geschichte des Besuches von Eduardo Prado, des großen Freundes Eças aus Brasilien, im spiritistischen Zentrum von Paris, mit dem Motiv, ein Medium für eine Session zu verpflichten. Dieser Text verdient aufgrund seiner Nüchternheit, seiner Leichtigkeit, seinem Reflektionsreichtum und dem feinen und ironisch kritischem Geist, zu seinen suggestivsten und aktuellsten Texten gezählt zu werden.

„No mesmo hotel“ erzählt den Mord des Präsidenten des Spanischen Rates Canovas del Castillo durch einen italienischen Anarchisten. Fünf Tage lang quartiert sich der Mörder im selben Bäderhotel ein, in dem sein Opfer wohnt. Mit faszinierender Schreibkunst vergleicht Eça diesen mit dem Tod, der aus den Tiefen des Schicksals kommt und der gelassen seine Serviette auseinanderfaltet, die Speisekarte studiert und sogar medizinische Thermalbäder nimmt.

Die wahrheitsgetreu erzählten Geschehnisse in diesen beiden Chroniken sind nichts weiter als Vorwände für perfekte literarische Kreationen. Wüssten wir nicht von ihrem Ursprung, würden wir sie als Erzählung ansehen.

In anderen Chroniken von ihm, wie „Os ingleses no Egipto“ (Cartas da Inglaterra) und „A França e o Sião“ (Ecos de Paris) nimmt er mit gewohnt ironischer Feinheit die Verurteilung des britischen und französischen Imperialismus vor.


Posthume Werke

In den Jahren unmittelbar nach seinem Tod im Jahre 1900 wurden nicht weniger als neun Titel veröffentlicht, nämlich A Ilustre Casa de Ramires, A Cidade e as Serras, Contos, unzählige journalistische Chroniken und Últimas Páginas. Im Jahre 1925 wird sein Sohn José Maria mit der Wiederaufnahme der posthumen Ausgabe beauftragt, und es erscheinen sechs weitere Bänden von bisher unveröffentlichten Schriften. Unter diesen findet sich einer seiner ausdrucksvollsten Romane, A Capital, wieder, den er als «eine brutale Verurteilung der gesamten etablierten Gesellschaft» betrachtet hatte, sowie andere sehr bedeutsame Werke, etwa O Conde de Abranhos (Der Graf von Abranhos), Alves & C.ª (Alves & Co) und A Catástrofe.

Man kann sagen, dass jedoch erst im Jahr 1945, als die Hundertjahrfeier seines Geburtstages begangen wurde, das Studieninteresse der Wissenschaftler an seinem Werk wiedererwachte. Von diesem Zeitpunkt an bis heute ist das Interesse stetig gewachsen. Die Gedenkfeiern anlässlich der hundertjährigen Veröffentlichung von Os Maias 1988 in Porto, mit einem von der dortigen Faculdade de Letras veranstalteten Kolloquium, brachte, nun in einem universitären Rahmen, eine neue Welle von Annäherungen und Studien hervor. Nicht weniger verheißungsvoll kündigt sich das Jahr 2000 an, in dem seines hundertjährigen Todestages gedacht wird.

So bestätigt sich erneut die Unvergänglichkeit und Modernität eines innovativen Stils und die so lebendige Aktualität seines Humors und seiner Ironie.


Text: A. Campos Matos.
Eça de Queirós – Marcos biográficos e literários (1845-1900)
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Lisboa: Catálogo de exposição do Instituto Camões, 2001.
[Gliederung mit Zwischenüberschriften hinzugefügt]

Übersetzung: Susanne Hüchtebrock.
Mit der freundlichen Unterstützung von
Amrei Scheller und Dr. Peter Koj


Detaillierte Informationen zum Autor und seinem Werk, inklusive Volltexten im digitalen Format, finden Sie auf der Internetseite der Biblioteca Nacional (Portugal) in portugiesischer Sprache: Eça de Queirós (1845-1900)

Zum Leben und Werk des Autors sehen Sie noch: Fundação Eça de Queirós (auf Portugiesisch)