19. Jahrhundert: Der Realismus

Es wurde immer deutlicher, dass sich die Literatur von den idealisierten Modellen ab- und der im Land herrschenden Realität zuwenden musste. Diese Realität sollte ohne Künstlichkeit, dafür aber möglichst lebensnah und, falls nötig, in ihrer alltäglichen Härte und Grausamkeit abgebildet werden.


Der Ursprung des Realismus

Mehr noch als das Ansinnen des Barock hinterließ die Polemik der Romantik ihre tiefen Spuren in Portugals Intellektuellen-Zirkeln. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts begann eine Gruppe junger Menschen ihrem Wunsch nach Veränderung Ausdruck zu verleihen, einem Wunsch nach Modernisierung der portugiesischen Gesellschaft, der die Literatur nicht fremd bleiben sollte. Diese jungen Intellektuellen versuchten zunächst in Coimbra und später in Lissabon auf die Unterschiede aufmerksam zu machen, die Portugal in den meisten Bereichen (sozial, wirtschaftlich, kulturell) von Ländern wie Frankreich, Deutschland oder England trennten.


Autoren

Antero de Quental
Der Name, der dabei am meisten heraussticht, ist der von Antero de Quental (1842-1891). Er stammte von den Azoren aus Ponta Delgada und besuchte die Universität von Coimbra, deren Lehrmethoden er in Frage stellte. 1865 sandte er einen offenen Brief an António Feliciano de Castilho, die Questão do Bom Senso e do Bom Gosto. Dieser Brief war so polemisch, dass er zahlreiche Unterstützung und Kritik hervorrief und zu dem Ausdruck Questão Coimbrã führte, der den ganzen Streit um das gegenwärtige literarische Leben zusammenfasste.
Antero de Quentals Dichtung ist von philosophischem und revolutionärem Charakter und bringt seine sozialistischen Ideen zum Ausdruck, die er vor allem während eines einjährigen Aufenthalts in Paris entwickelte. Dort hatte er versucht, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der arbeitenden Klasse kennenzulernen.
1871 regte er in Coimbra die „Conferências Democráticas“ („Demokratische Konferenzen“) an, die allerdings mit der Begründung verboten wurden, sie würden ein subversives, zersetzendes Klima schüren.
Persönliche Probleme sowie das Gefühl der Ohnmacht bezüglich seines Wunsches, die herrschenden Denkweisen zu ändern, führten zum Selbstmord von Antero de Quental. Seine Sonette und sein Essay Tendências Gerais da Filosofia na Segunda Metade do Século XIX (1890) zeugen vom Kampf um einen größeren Respekt gegenüber dem menschlichen Dasein und spiegeln eine Persönlichkeit wider, die zerrissen ist zwischen einem gewissen Pessimismus und dem Wunsch, ein kulturell stagnierendes Land zu verändern.
Auch andere Namen, die in Verbindung mit der Questão Coimbrã stehen, tun sich nun hervor. Oliveira Martins (1815-1894) widmete sich speziell der Geschichte und arbeitete eine wahrhaft kritische História de Portugal aus. In dieser ließ er durchblicken, dass Portugal niemals mehr den Status erlangt hatte, den es als Nation zu den glorreichen Zeiten der Entdeckungen innehatte.

Eça de Queiroz – der große realistische Romancier
Auf dem Gebiet des Romans ist der große Name des Realismus (der auch aus der Questão Coimbrã stammt) Eça de Queiroz (1845-1900). Im Jahr der „Conferências Democráticas“ (1871) startete er mit Ramalho Ortigão (1836-1915) As Farpas, eine monatliche Publikation, in der die aktuelle Gegenwart zur Zielscheibe fortwährender Satire wurde. Als Eça de Queiroz seine ersten Romane schreibt, ist er bereits ein durch und durch realistischer Autor. Seine Sprache ist ohne Künstlichkeit, dafür aber sehr ausdrucksstark und wirkungsvoll bei der Charakterisierung der Figuren und Situationen. In ihr spiegeln sich auch der satirische Geist und die Enttäuschung angesichts der nationalen Provinzialität wider.
Dieser so zutreffende und im Grunde wirklich realistische Stil rief – mehr noch als Kritik – regelrechte Attacken hervor. Das Gleiche passierte auch mit den Themen, die er im Großteil seiner Werke behandelte. Vom Leben des Klerus und des Kleinbürgertums in der Provinz in O Crime do Padre Amaro (1874) über eine kritische Analyse des Lebens der Literaten in Lissabon in A Capital (1878) bis hin zu dem falschen Schein des Großbürgertums und des Adels in Os Maias (1888) provozierten die Romane Eças immer Polemik. Weitere drei verdienen besondere Beachtung: O Primo Basílio (1878), A Ilustre Casa de Ramires (1897) und A Cidade e as Serras (1889).

Weitere Informationen über Eça de Queiroz finden Sie hier.

Ramalho Ortigão
Zeitweise Begleiter von Eça, hatte Ramalho Ortigão einen interessanten Werdegang in der portugiesischen Literatur. Er begann zunächst damit, Feliciano Castilho gegen die Attacken der jungen Intellektuellen in der Questão Coimbrã zu verteidigen, um sich später in den 70er Jahren mit einigen von ihnen zu verbünden (vornehmlich mit Eça). Gemein war ihnen insbesondere der satirische Geist, mit dem Ramalho Ortigão die herrschende Gegenwart analysierte. Vor allem seine Art der Reiseliteratur unterschied sich nun deutlich von dem Stil, der bis dato diese in den vorherigen Jahrhunderten geläufige Literatur charakterisierte: Em Paris (1868) und Holanda (1883) enthüllen seine Eindrücke von anderen Wirklichkeiten, die er manchmal mit dem Leben der portugiesischen Nation vergleicht.
Nach und nach machte sein kritisches Talent, das sich zum Beispiel in As Farpas offenbart, einem gewissen Konservatismus Platz. Das führte aber nicht dazu, dass er sich nicht mehr am kulturellen Leben in Portugal beteiligte; da er für den Schutz und die Verbreitung des volkstümlichen und traditionellen Erbes weiterhin kämpfte.

Gomes Leal
Schon Gomes Leal (1848-1921) blieb einer relativ symbolistischen Poesie treu. Diese war voller impressionistischer Bilder und nahm auf eine wertvolle tapfere Vergangenheit Bezug, mit der die soziale und politische Wirklichkeit in Portugal nicht das Geringste zu tun hatte.


Nationalistische Literatur

England stellte Portugal 1890 ein Ultimatum bezüglich der Inbesitznahme der afrikanischen Territorien zwischen Angola und Mosambik, dem der König D. Carlos (1863-1908) nachgab. Das ist der Ausgangspunkt für das Erstarken der Republikanischen Partei („Partido Republicano“) und für eine Literatur mit nationalistischem Charakter, die nicht immer bar einer gewissen Hetze war.
Ein Beispiel dafür ist das Werk Guerra Junqueiros (1850-1913), in dem das soziale Gewissen dem Werk statt eines literarischen vielmehr den politischen Charakter eines Pamphlets verleiht. Seine Ode à Inglaterra versprüht diesen giftigen Ton, der jedoch durch die erlebte Armut in Portugal mit seiner 75%igen Analphabetismus-Quote und angesichts einer Familie, die einen luxuriösen Lebensstandard ausnutzte, gerechtfertigt ist.


Das Interesse der Literatur am Landleben: Parnasianismus

Die Industrialisierung in den meisten städtischen Zentren führt zur Verherrlichung der kleinen Freuden des Landlebens, die in den sogenannten „conto rústico“ (bäuerliche Erzählungen) Ausdruck finden. Dazu zählt unter anderem Os Meus Amores von Trindade Coelho (1861-1908).
Dieses Interesse am Landleben anstelle des immer hektischer werdenden Lebens in den großen Städten führte zu einer anderen literarischen Strömung, dem „Parnasianismo“ (Parnasianismus). Dieser Name wurde vom Berg Parnaso abgeleitet, wo vermutlich die großen griechischen Poeten die Inspiration für ihre Werke fanden. Auf diese Weise kam es zu einer Art erneuten Rückkehr zu den klassischen Werten (vornehmlich der Ausgeglichenheit und der Gelassenheit), die jedoch mit der alltäglichen Realität verbunden wurden, wie sie zu Ende des 19. Jahrhunderts herrscht. Der Realismus verschwand nicht, das Ziel des Parnasianismus aber war zumindest die Enthüllung dessen, was eine gewisse Harmonie, eine gewisse Schönheit barg.

Césario Verde
Cesário Verde (1855-1886) war ein Dichter von großem Feingefühl, der wahrhaft herausragende Vertreter dieser Alltagsliteratur, in der die banalsten Situationen und Handlungen ein ästhetisches Niveau von großer Intensität erreichten. Er warnte vor einem fortschreitenden Verfall (landschaftlich und menschlich) von Lissabon, verwies aber in seinem einzigen Werk auf das Land und die Felder, die Lissabon noch als eine Art erhabenes Licht umgeben. O Livro de Cesário Verde, das erst nach seinem Tod 1901 veröffentlicht wurde, durchzieht somit eine elegante Atmosphäre, ohne mondän zu sein. Eine objektive Sprache, die ohne Grausamkeiten auskommt, die den Realismus prägen.


Das Thema der „saudade“ (Sehnsucht) in der Literatur

Die Überlegungen zu den Veränderungen im Stadt- und Sozialgefüge – was am Ende eines Jahrhunderts natürlich ist – führten dazu, dass sich das Thema der „saudade“ (Sehnsucht) als wichtigstes in der Literatur verschärfte. António Nobre (1867-1900) schrieb ebenso wie Cesário Verde nur ein einziges Werk, (1892). Es ist eines der traurigsten Bücher in portugiesischer Sprache, in dem sich die Sehnsucht (die sich auch daraus ergibt, dass er einige Zeit in Paris verbracht hatte) mit der Wiederentdeckung pittoresker Aspekte des einfachen Lebens verbindet. Dieses Leben konnte man noch weit entfernt der großen Zentren antreffen, wo es mehr Einwohner und mehr Arbeitsmöglichkeiten gab.
Lissabon erlebte eine Phase großer Veränderungen, die die Gruppe der Intellektuellen spaltete – auch wenn diese Veränderungen weit entfernt waren vom Entwicklungsklima anderer europäischer Großstädte.


Text: Alcides Murtinheira
Übersetzung: Martina Schmidt